Kant im Wind of Change der Gegenwart.
Populismus, Radikalismus, Autokratie, Change, Künstliche Intelligenz – Umwälzungen überall. Die vielleicht überraschende Antwort auf fast alles: Immanuel Kant als zeitgemäße Instanz.
Vor zwei Jahren feierte die philosophische Welt den 300.Geburtstag eines ihrer größten Denker: Immanuel Kant. Im deutschen Sprachraum und weit darüber hinaus gilt er als einer der Wegbereiter der Aufklärung. Von ihm stammt der „Kategorische Imperativ“ und der mit zwei lateinischen Worten komprimierte Aufruf „Sapere aude!“ („Habe den Mut, Dich Deines Verstandes zu bedienen!“) Auf heutige Verhältnisse umgelegt, kann dieser „Schlachtruf“ der wahrhaftigen Revolution der Vernunft gar nicht ernst genug genommen werden. Auf zwei deutsche Worte komprimiert, bedeutet „sapere aude“ nichts anderes als „Denke selbst“!
Kant gibt uns – ebenso zeitlos – vier Fragen mit auf den Weg, die jeder Mensch, der nur ein einziges Mal mit der KI gearbeitet hat, auf die eigene Festplatte (vormals Gehirn genannt) gravieren sollte.
1. Was kann ich wissen? 2. Was darf ich hoffen? 3. Was soll ich tun? 4. Was ist der Mensch?
Diese vier Fragen geben uns jetzt ganz klare Aufgaben mit auf den Weg. 1. Wie kann und soll ich überprüfen, ob das, was mir als „Information“ vermittelt wird, tatsächlich stimmt – und wie sehr bin ich bereits abhängig von schwer kontrollierbaren Wissensquellen? 2. Was ist mein eigenes Ziel, das ich erreichen möchte und wie sehr lasse ich mich von den Zielen anderer Leute fremdbestimmen? 3. Welche Handlungen kann ich selbst setzen, um mein Ziel zu erreichen und wo bin ich vom (hoffentlich) guten Willen anderer Menschen abhängig? 4. Was ist mein Menschenbild, das mich leitet? (Bin ich mit gutem Willen ausgestattet und gestatte ich auch anderen Menschen das positive Vorurteil, dass sie mit guten Absichten handeln?)
Wir alle, die ins 21. Jahrhundert hineingestolpert sind und in diesen aberwitzigen Zeiten herumirren, tragen schwer an der atemberaubenden Geschwindigkeit der Veränderungen und an der Unmöglichkeit, mit der in Lichtgeschwindigkeit stattfindenden Verdopplung des weltweit verfügbaren Wissens Schritt zu halten. Aber genau dann sollten wir uns besinnen auf das, was den Menschen ausmacht und von der Bestie unterscheidet. Der kategorische Imperativ gibt uns hierfür eine wunderbare Orientierung: „Handle so, dass die Maxime Deines Handelns zu einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit werden könnte.“
Bedeutet in der Gegenwart: Überlege Dir gut, ob das, was Du tust, als Vorbild für andere gelten kann. Ich habe diesen Kantischen Leitgedanken vor zwei Jahren einem Führungsteam erzählt und gebeten, ihn für den eigenen Alltag zu übersetzen. Nach wenigen Minuten hatte dieses Team den Jackpot für sich geknackt: „Wir wollen nachahmenswert führen.“ Das könnte tatsächlich ein menschliches Motiv sein, das uns fundamental als Menschen von allen Künstlichkeiten unterscheidet: So positiv zu leben, dass andere Menschen uns nachahmen wollen.